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Gastbeitrag: Die Komplexität des Sichtbetons
Univ.-Prof. Dr. Christoph Motzko, Technische Universität Darmstadt

Sichtbar bleibende Betonflächen (Sichtbeton) sind ein bedeutendes Gestaltungselement der Architektur. Zugegeben, gelegentlich in der Artikulation der Wahrnehmung und der Wertung sehr emotional und gegensätzlich, je nach Bauteil und Betrachter. Die Anwendungsfelder sind sehr weit gespannt, denn sie reichen von repräsentativen Räumen in Museen über Zweckbauten wie Schul- und Universitätsgebäude bis hin zu Ingenieurbauwerken.

Zur Erfüllung der geforderten Beschaffenheit (qualitas) im Sinne der Lebenszykluswerte sind in der Planung und im Herstellprozess sehr hohe Anforderungen zu erfüllen. Die Schalungstechnik spielt dabei eine exponierte Rolle.

Regelungen des Begriffes Sichtbeton
Die Merkmale der Sichtbetonflächen sind in der Ausschreibung präzise anzugeben. Die Ausführungsseite wird auf dieser Grundlage die geeigneten Baustoffe (z.B. Betonrezeptur), Bauhilfsstoffe (z.B. Schalungssystem, Schalungshaut, Betontrennmittel) und Geräte (z.B. Verdichtungsgerät) bestimmen können. Für die eindeutige und erschöpfende Beschreibung des Sichtbetons können in Deutschland folgende Normen und Merkblätter herangezogen werden:

  • DIN 18217 "Betonflächen und Schalungshaut" (1981), hier insbesondere in Ziffer 2.3.2 "Mit Schalungshaut gestaltete Betonflächen". Es besteht die normative Forderung nach eindeutiger und praktisch ausführbarer Beschreibung des Sichtbetons.
  • ZTV-ING (Zusätzliche Technische Vertragsbedingungen und Richtlinien für Ingenieurbauten, 01/2003) für den Bereich der Ingenieurbauwerke.
  • DIN 1045-3 (2001-7) mit Hinweisen zur Angabe von Anforderungen an das Aussehen der gestalteten Betonflächen in einer Projektbeschreibung.
  • Merkblatt "Sichtbeton" (August 2004) des DBV/BDZ. Differenzierung von vier Sichtbetonklassen SB 1 bis SB 4 (s. Abb. 1) mit verschiedenen technischen Anforderungen an die Textur, Porigkeit, Farbtongleichmäßigkeit, Ebenheit und die Ausbildung von Arbeits- und Schalhautfugen.

Die erschöpfende und eindeutige Beschreibung einer auszuführenden Sichtbetonfläche sollte aus der Sicht der Schalungstechnik durch einen Schalungsmusterplan ergänzt werden, der u.a. folgende Angaben beinhalten kann: Schalungssystem (Größe der Schalelemente, Schalungshautstöße, Ausbildung der Anker und Ankerstellen), Schalungshaut (Schalungshauttyp, Qualität, Art der Schalungshautbefestigung), Fugen (Anordnung und Ausbildung der Arbeitsfugen, Bauteil-/Dehnungsfugen), weitere Flächengliederungselemente wie Schattenfugen, Toleranzen (normativ DIN 18202), Kantenausbildung, zulässige Betoniergeschwindigkeit oder Betontrennmittelart.

 

 

Das Sichtbeton-Projektteam
Die Planung und Ausführung von Sichtbeton ist komplex. Die Schalungstechnik spielt darin eine wichtige Rolle, wobei jede der angegebenen Größen die Qualität des Sichtbetons beeinflusst und einen Beitrag zum Gelingen des Werkes leistet. Daher ist es erforderlich, bereits in sehr frühen Projektphasen die beteiligten Disziplinen in die Planungs- und Ausführungsprozesse innerhalb eines Projektteams (Architekt, weitere Fachplaner, Betonlieferant, Schalungslieferant, Bauunternehmer) zu integrieren.


Das Experiment vor der Ausführung
Das Erscheinungsbild der Sichtbetonfläche wird durch komplexe Reaktionen in der Grenzfläche zwischen Schalungshaut, Trennmittel, Frischbeton sowie weitere Randbedingungen wie Lufttemperatur, Luftfeuchtigkeit und Qualifikation der Bauausführung bestimmt. Im Rahmen eines von der AiF, dem DBV und dem GSV geförderten Verbundforschungsvorhabens zum Themenkomplex Sichtbeton wurde eine neue Methodik zur Anwendung von Prüfschalungen entwickelt. Es wird empfohlen, vor der Bauausführung Versuche mit solchen Prüfschalungen durchzuführen (s. Literatur). Dabei können die vorgesehenen Betonrezepturen, Schalungshauttypen und Betontrennmittel getestet werden. Das Forschungsvorhaben belegt, dass eine starke Korrelation zwischen dem Prüfkörperergebnis und dem Ergebnis am realen Baukörper besteht.

Abnahme von Sichtbetonflächen
Die Abnahmekriterien sind vertraglich präzise zu vereinbaren. So ist gemäß dem DBV/BDZ Merkblatt „Sichtbeton" der Gesamteindruck zunächst zu prüfen. Erst wenn dieser nicht erfüllt ist, sind Einzelkriterien einer Prüfung zu unterziehen. Der Sachmangel wird in der Sphäre der VOB/B nach den Merkmalen der Beschaffenheitsvereinbarung, der Verwendungseignung oder des Verstoßes gegen die anerkannten Regeln der Technik bestimmt. Grundsätzlich gilt: Mängel an Sichtbetonfläche dürfen sach- und fachgerecht ausgebessert werden. Die Ausbesserungstechnologie sollte vereinbart werden. Nicht zu vernachlässigen ist bei der Abnahme der Kontext der sozialen Situation, in der sich die Projektbeteiligten befinden.

Literatur
Deutscher Beton- und Bautechnik-Verein e.V. / Bundesverband der Deutschen Zementindustrie e.V.: Merkblatt „Sichtbeton", Fassung August 2004, (Eigenverlag), 2004
GSV-Publikation: Empfehlungen zur Planung, Ausschreibung und zum Einsatz von Schalungssystemen bei der Ausführung von „Betonflächen mit Anforderungen an das Aussehen", (Eigenverlag), Ratingen/Darmstadt, 2005
AiF Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen „Otto von Guericke" e.V.: Forschungsbericht 14018 (Prof. Hoscheid, Prof. Motzko), 2006


Prof. Dr. Christoph Motzko

Suchen Sie weitere Informationen?

www.tu-darmstadt.de

www.gsv-betonschalungen.de

www.aif.de